Einfachheit gegen Komplexität

Aus Jura Base Camp
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(lat.: complexus, zusammengesetzt, aus vielen Elementen zusammengesetztes Ganzes). Eine wichtige juristische Lernregel lautet: Sie müssen Einfachheit gegen Komplexität stellen! Unser Gehirn hat ein großes Problem: Es ist von der Evolution nicht für komplexe Gegenstände gerüstet worden, sondern nur für einfache. Das Recht ist aber ein höchst komplexer Gegenstand. Das „Komplexitätsproblem“ muss gelöst werden. Trainieren Sie deshalb die Fähigkeit, einfache Strukturen zu formen und diese dann unter- einander mit Hilfe geeigneter Strukturverwaltungsprogramme (Systematisierung assoziatives Lernen) zu verknüpfen, damit Sie so auch komplizierte Aufgaben bewältigen können. Es ist nicht einfach, guter juristischer Lehre in Buch oder Hörsaal zu begegnen, aber es ist einfach, sie zu erkennen: an Einfachheit und Klarheit! Einfachheit und Klarheit in die Komplexität der Juristerei zu bringen, das ist des Studenten und Dozenten Kunst und eine weitere Fähigkeit des exzellenten Juristen. Einfache Strukturen haften im Gedächtnis, komplexe sind flüchtig! Man kann die Juristerei durchaus als „komplex“ beschreiben, den Umgang mit dem „System Jura“ als „kompliziert“. Kein Zweifel: Die Juristerei ist ein komplexes System. Denn sie zeigt die für „Komplexität“ typischen vier Elemente: Sie weist viele Grundbestandteile in Form von Rechtsgebieten, Gesetzesbündeln, Gesetzen, Rechtsinstituten, Tatbestandsmerkmalen, Definitionen auf. Die Zahl der möglichen Beziehungen und Verknüpfungen zwischen diesen Einzelelementen ist nahezu unendlich groß. Die Art der Beziehungen zwischen den Einzelelementen ist keineswegs immer gleich, sondern in unterschiedlichen Rechtsgebieten in hohem Maße verschiedenartig. Die Zahl der Einzelelemente, die Zahl der Beziehungen und die Verschiedenartigkeit der Beziehungen verändern sich und wachsen im Zeitablauf durch den überquellenden Gesetzgeber und die wuchernde Rechtsprechung und Literatur ständig.

Die Komplexitätskurve zeigt, was bei einer zunehmenden Zahl von Gesetzen mit ihren Tatbestandsmerkmalen und ihren Beziehungen untereinander passiert: die Komplexität steigt progressiv und mit ihr die Not des Verständnisses.

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Alle wissenschaftliche Arbeit strebt nach Vereinfachung, nur die Juristerei scheint es nach Komplizierung zu drängen. Um dem gegenzusteuern, muss man die Komplexität reduzieren. Das entscheidende juristisch-didaktische Mittel dafür ist die Reduktion der juristischen Komplexität auf juristisch einfache methodische und systematische Elemente des Gesetzes zur immer wieder neuen und anderen juristischen Reproduktion der Komplexität. Das klingt so „kompliziert“ und ist doch so „einfach“ zu übersetzen: die Zurückführung (Reduktion) der Vielschichtigkeit (Komplexität) auf die aus dem Gesetz gewonnenen Bestandteile (Elemente), mit denen man dann jederzeit in anderem Zusammenhang (bei einem anderen Fall!) die Wiedererzeugung (Reproduktion) der Gesamtheit der Elemente (Komplexität) beginnen kann.

Komplex wird es für Sie als Jurastudent beim Jurastudium immer dann:

Wenn Sie mehrere und zudem nicht klar definierte Lernziele verfolgen. An dieser Bedingung scheitern viele gutgemeinten Lernstunden. Wenn das Ziel nicht klar ist, bleibt der Erfolg mangels Übersichtlichkeit aus. Wenn Sie nicht in der Lage sind, die Kurzfassung einer 2-stündigen Lerneinheit auf einer einzigen Karteikarte in Großbuchstaben unterzubringen. Wenn Sie das wichtigste Hilfsmittel der Vereinfachung nicht mobilisieren können: den Mut zum Baumdiagramm. Wenn für Sie unklar bleibt, was wesentlich ist. Wenn Sie die Tatbestandsmerkmale nicht erkennen. Wenn Sie auf Alternativen und noch mehr Alternativen nicht verzichten können. Wenn Sie immer mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen versuchen. Nur diese eine Lernfliege ist jetzt wichtig. Danach erst die nächste Fliege. Wenn Sie nicht wissen, wann Sie genug gelernt haben. Wenn Sie die Hoffnung haben, dass sich die Komplexität irgendwie und irgendwann und irgendwo von selbst löst. Wenn Sie sich schon im Anfang von dem „Komplexitätstreiber“ Wissenschaftlichkeit verlocken lassen und ihn nicht für spätere Hausarbeiten zurückhalten. Wenn Sie immer in der Angst leben, sich dumm zu machen beim Außerachtlassen der 5. Alternative bei § 812 Abs. 1 BGB (nur als Beispiel). Wenn Sie gelobt werden wollen, weil Sie alles „gelernt haben“. Wenn Sie nicht bemerken, dass der unverständlich kompliziert lehrende „dozen-tische Kaiser“ nicht nur didaktisch nackt, sondern gar kein Kaiser ist. (Prüf den Prof) Wenn Sie das Wesentliche einer 2-stündigen Lerneinheit Ihrer Tante oder Ihrem Opa nicht in einer Minute erklären können. Wenn Sie immer nach juristischen Hindernissen suchen, obwohl vielleicht gar keines da ist. Wenn Sie nicht die Leitlinien der Einfachheit und Klarheit ständig im Kopf haben. Wenn Sie nicht erkennen, dass ein großes Hindernis für den Lernerfolg darin liegt, dass Sie nicht zur stofflichen Lücke bereit sind. Wenn Sie ständig Reparaturarbeiten vornehmen, obwohl das Werk, an dem repariert werden soll, noch gar nicht errichtet ist. Was am Anfang nicht gebaut worden ist, kann später nicht repariert werden. Wenn Sie nicht in Erwägung ziehen, dass Ihre studentische Fähigkeit zur Aufnahme die knappste Ressource Ihrer Lernheinheit ist. Wenn Sie nicht mehr in der Lage sind, sich in die Lage der Dozenten zu versetzen. Wie würden Sie denn den zu lehrenden Stoff „einfach“ darstellen? (Siehe zu allem: Lernen des juristischen Lernens) Wie alle Präzisionshandwerke hat auch die Juristerei ihre könnerhafte Meisterschaft. Es ist die Kunst, in die Komplexität der wirklichen Welt einerseits (Lebenssachverhalte) und die Komplexität der künstlichen Welt andererseits (Gesetze) Klarheit und Einfachheit zu bringen. Damit Sie als Student dabei nicht in der Flut von Details ertrinken, muss Ihr Bemühen darauf gerichtet sein, die beiden verschiedenen Welten zu vereinfachen. Diese Kunst kann man auch „Analysefähigkeit“ und „Systematisierungsfähigkeit“ nennen. Man braucht dafür den Blick für das Wesentliche und Vorrangige und Übung, um dieses Unterscheidungsvermögen zu erwerben und für sein Lernen souverän nutzbar zu machen. Der geistige Zugriff muss auf das Wesentliche ausgerichtet sein. Sie müssen sich bemühen zu systematisieren, Einzelelemente herauszustanzen, diese zu Gruppen zusammenzufassen, Grundstrukturen deutlich zu machen und diese als neue Wege in Ihre eigene, einfache juristische Orientierungskarte einzufügen. „Bringen Sie Einfachheit in die Komplexität“ möchte man den Studenten für jede Ihrer „Lernstunden“ zurufen, damit sie „Sternstunden“ werden. Einfachheit ist im Anfang des Studiums der einzige Weg, Jura dauerhaft im Gedächtnis zu verdrahten, der Weg jenseits von Komplexität. Einfach heißt keinesfalls leicht! Denn Änderungen hin zur Einfachheit im erfolgreichen Lernen erfordern verdammt viel Anstrengungen. Es ist als Dozent viel leichter, juristische Institute kompliziert darzustellen und sich hinter Wortverhauen zu verstecken als sie einfach zu lehren. Die juristischen Lehrrituale, überwiegend verschachtelte Antworten zu präsentieren, müssen Sie durchschauen. Was das Verständnis für einfaches Lehren und Lernen in der Juristerei allerdings erschwert, ist der Aberglaube, juristische Dinge könne man nun mal nicht einfach ausdrücken: das wirke zu trivial, zu simpel. Man kann! Die meisten Menschen verstehen keine komplizierten Probleme, sie verstehen nur einfache. Also sollten Sie die Probleme für sich so aufschließen, dass sie eine Reihe von einfachen juristischen Gedanken ergeben. Das geht tatsächlich! Wenn Ihnen die Reduzierung der Komplexität auf einfache Elemente gelingt, werden Sie Lernerfolg haben. Ihnen wird es dann auch gelingen, aus diesen heruntergebrochenen einfachen Einzelteilen immer wieder und vor allem immer wieder neu, die Komplexität zu reproduzieren. Es ist gar nicht so kompliziert, Ihr Lernen einfach zu machen. Es ist fast immer das „Viele“, das „Alles“ und das „Alles gleichzeitig“, was gescheiterte Studenten wollten. Komplexität können Sie aber nur reduzieren, indem Sie weniger machen und die Dinge hintereinander „einfach“ lernen. Der gute Student sucht das intelligente juristische Lernen. Intelligentes Lernen ist einfaches Lernen. Der gute Student hat das begriffen, der schlechte nie!